Staatsbibliothek zu Berlin
Legende zu den Archivbeständen (Foto: Hanns-Peter Frentz)
Legende zu den Archivbeständen (Foto: Hanns-Peter Frentz)
Die Schriftdokumente im Nachlass Riefenstahl
Der in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrte schriftliche Nachlass von Leni Riefenstahl umfasst ihr persönliches und berufliches Archiv. Aufgrund von Verlusten und Aussonderungen am Ende des Zweiten Weltkriegs sind Materialien aus der Zeit der 1920er Jahre und des NS-Staates nur lückenhaft vorhanden. Die Zeit nach 1945 ist dafür jedoch in sehr großem Umfang vertreten. Riefenstahl arbeitete mit ihren Mitarbeiter:innen intensiv im Archiv. Dabei sind Schriftsätze immer wieder neu zusammengestellt und reproduziert worden. Andererseits sind Kassationen nicht auszuschließen.
Dieser Schriftenbestand besitzt eine außerordentliche Bedeutung für die Forschung über die Person Leni Riefenstahl und ihre Arbeit. Er ist eine sehr wichtige Quelle für zahlreiche wichtige Themen, etwa für ihr Verhältnis zum nationalsozialistischen Staat und seinen wesentlichen Protagonist:innen (auch, soweit diese überlebten, nach 1945), für ihr Leben und Wirken in der Nachkriegszeit und ihre Kontakte zu politischen und gesellschaftlich relevanten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, ferner zu Mitarbeiter:innen und Fachkolleg:innen. Ein wesentlicher Aspekt, der in vielen bisher unbekannten Dokumenten sichtbar wird, betrifft die Rezeption ihrer Werke bis hinein in die Popkultur. Die enorme Materialfülle präsentiert diese umstrittene Künstlerin in vielen Facetten. Ihre filmischen Projekte – auch die nicht verwirklichten – in der Vor- und Nachkriegszeit, ihre Tätigkeit als Fotografin und Autorin sind durch Drehbücher, Notizen, Recherchedokumentation etc. dokumentiert. Der Entstehungsprozess ihrer Werke lässt sich oft detailliert nachvollziehen.
Korrespondenz
Die sehr umfangreiche Korrespondenz spiegelt ihr weit gespanntes berufliches und privates Netzwerk. Briefe prominenter Zeitgenossen:innen hat Riefenstahl separiert gesammelt. Neben der privaten Korrespondenz besteht der Sektor „Briefe“ vor allem aus der Korrespondenz ihrer Produktionsgesellschaften. Hier wird die „Leni Riefenstahl Produktion“ mit all ihren Arbeitsfeldern (Film- und Fotoherstellung, Rechte- und Verwertungsfragen usw.) dokumentiert. Schließlich zeigt die extensive Anwaltskorrespondenz die vielen Rechtsstreitigkeiten um Riefenstahls Person und ihre Werke. Die Schriftwechsel demonstrieren ihre internationale Bekanntheit und Vernetzung, wobei ihre beruflichen und privaten Kontakte weit über ihr Herkunftsland Deutschland hinausreichen, insbesondere nach Japan und in die USA, aber auch in viele europäische Länder wie Großbritannien, Frankreich und Italien.
Lebensdokumente
Die Gruppe der Lebensdokumente umfasst unter anderem Kalender, Adressbücher, Material zu ihren Afrikareisen, Urkunden und weitere Objekte, die wichtige und detaillierte Informationen über die Biografie und das berufliche Wirken Leni Riefenstahls bieten.
Sammlungen
Schließlich findet sich in der Gruppe der Sammlungen eine dichte Fülle von Materialien, die Riefenstahl über sich und ihr Wirken seit Beginn ihrer Karriere in den 1920er Jahren bis zu ihrem Lebensende kontinuierlich zusammengetragen hat: Presseartikel aus dem In- und Ausland, Rezensionen, Publikationen, audiovisuelle Medien.
Bibliothek
Zum Nachlass gehört außerdem Leni Riefenstahls private Bibliothek. Davon verbleiben die wichtigen Widmungsexemplare (ca. 600 Bände) in der Staatsbibliothek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, da sie in einem engen Zusammenhang mit den Schriftzeugnissen stehen. Die übrige Literatur (ca. 1.000 Bände) wurde als Dauerleihgabe an die Stiftung Deutsche Kinemathek übergeben, die auch andere materielle Objekte von ihr übernommen hat.
Kuratiertes Archiv: Schriftgut Nachlass
Der schriftliche Nachlass von Leni Riefenstahl, archiviert unter der Signatur „Nachl. 590“ in der Staatsbibliothek zu Berlin (SBB), umfasst über 750 Einheiten. Überliefert sind diese in Aktenordnern, Archivkästen sowie eigens angefertigten Leinenkästen, die Riefenstahl und ihr Sekretariat zur ordnenden Aufbewahrung der Archivalien verwendeten. Bei einer ersten Durchsicht haben wir das Material – entsprechend archivischer Standards – in folgende Bestands- und Signaturgruppen unterteilt:
– Werke (Sign. 1–128)
– Korrespondenzen (Sign. 129–491)
– Lebensdokumente (Sign. 492–566)
– Sammlungen (Sign. 567–750)
Innerhalb dieser Gruppen sind die Bestände in der überlieferten Ablage aufgestellt und mit knappen Inhaltsangaben, einschließlich der Angabe vormaliger Standorte in Riefenstahls Haus, gelistet worden. Neben Manuskripten, Drehbüchern, Notizen (ca. 800 Einzeldokumente), Lebensdokumenten (ca. 700 Dokumente) und den von Riefenstahl und ihrem Mitarbeiterstab angelegten Dossiers (ca. 210 Einheiten) ist die berufliche und private Korrespondenz (ca. 17.000 Dokumente) das umfangreichste Segment. In diesem Teilbestand verweisen mitunter die Farben der Behältnisse auf ein monohierarchisches Archiv-System, das folglich auch zu Mehrfachablagen von Kopien geführt hat. Als Ordnungshilfe diente – zumindest zeitweise und mutmaßlich in Anlehnung an Riefenstahls filmische Schaffensprozesse – eine Farbpalette (Abb. 1):
– weiß für private Korrespondenz
– grau für Post Inland
– orange für Post Ausland
– rot für Dokumente, Urkunden, Verträge
– blau für Filme, Bücher, Expeditionen
– gelb für Pressebelege
– schwarz für Rechtsanwälte
– braun für Prospekte
– grün für Finanzen
So findet sich beispielsweise unter weiß die Korrespondenz mit der Filmarchitektin Isabella Ploberger-Schlichting zu ihrer Namensnennung für die Filmproduktion „Tiefland“ oder Briefe von Arnold Fanck mit Ideen zur Vorführung von Filmen in Afrika. Unter blau zeugen Berichte, Briefe, Zeitungsausschnitte von nicht realisierten Filmprojekten, z. B. „Der Nil“. Gelb führt zu Riefenstahls Aufsätzen, darunter Texte über die Nuba (Abb. 2). Schwarz gefasst ist der vertragliche Schriftverkehr wie jener über die geplante Verfilmung der 1987 von Riefenstahl veröffentlichten „Memoiren“.
Zu Afrika-Passagen
Allein das Schriftgut zum Themenkomplex Afrika, welches in das DFG-Projekt zur Erschließung und Digitalisierung der SBB integriert ist, umfasst etwa 220 Einheiten mit Tausenden Einzeldokumenten. Dazu gehören Exposés, Notizen, Tagebücher, Briefe und dokumentierende Archivalien wie Diplome, Drehgenehmigungen, Quittungen, Materiallisten, Reiseunterlagen und einzelnen Fotografien.
Es sind allesamt Zeitdokumente, die auch Einblicke in Riefenstahls Reiseideen geben: von ihren persönlichen, geschäftlichen und organisatorischen Vorbereitungen (Abb. 3) über die Expeditionen selbst bis zur publikumswirksamen Präsentation ihrer Projekte, sei es in Form von Fotografien, Filmen, Publikationen, Vorträgen oder Ausstellungen.
Während der Schriftgut-Nachlass insgesamt aus einem fast hundert Jahre umspannenden Zeitraum, von ca. 1920 bis 2018, stammt, liegt der Schwerpunkt in der Zeit nach 1945. Hier hinein fällt auch die von Riefenstahl gelenkte Archivierung ihrer fotografischen und filmischen Renaissance auf dem afrikanischen Kontinent. Sie begann diese berufliche Neuorientierung mit der ersten Reise nach Kenia und Uganda (1956) für ein Filmprojekt über den Sklavenhandel (Abb. 4&5), setzte sie mit ihrer Beteiligung an der Expedition der Nansen Gesellschaft (1962/63) fort und arbeitete bis ins Jahr 1982 daran, als sie anlässlich ihres achtzigsten Geburtstages ihren vierten Bildband Mein Afrika vorstellte. Außerdem machte Riefenstahl Notizen für ihre Memoiren, die auch ihre Erlebnisse in Afrika zusammenfassen (Abb. 6).
Kuratierten Daten: Erschließung und Digitalisierung
Unser Ziel ist die umfassende Erschließung des Nachlasses, damit Vertreter:innen der Nuba, die Forschungsgemeinschaft, Publizist:innen sowie die interessierte Öffentlichkeit weltweit die Möglichkeit haben, sich sowohl grundlegenden als auch komplexen Fragestellungen zu widmen. Beispielsweise zu Akteur:innen, die zu unterschiedlichen Zeiten bei Riefenstahls Reisen dabei waren, zu diversen Firmengründungen wie der Stern-Film GmbH, zu Schriftstücken mit Hinweisen auf Sponsoren oder zur Ausstattung der Afrika-Expeditionen (Abb. 7). Eine bloße Bereitstellung der originalen Materialien wäre – auch mit Blick auf den Bestandsschutz – unzureichend.
Eine kollaborative, digitale Zugänglichmachung der Nachlass-Quellen soll sicherstellen, dass textuelle, visuelle oder auditive Objekte gleichermaßen berücksichtigt werden. In der SBB basiert dies auf einer nachhaltigen IT-Infrastruktur, einheitlichen Standards für Meta- und Normdaten, hochwertigen Digitalisaten sowie der Berücksichtigung rechtlicher und ethischer Anforderungen. Zuverlässige Technologien fördern optimal die Bereitstellung, Zugänglichkeit und Wiederverwendbarkeit von Forschungsdaten.
Die Erschließungsdaten zum Schriftgut aus dem Riefenstahl-Nachlass werden im Kalliope-Verbundkatalog gesichert. Bereits jetzt sind über 1.300 Dokumente weltweit zitierfähig über einen eindeutigen Identifier für die wissenschaftliche Auswertung verfügbar. Neben der Bereitstellung beschreibender Daten zu Inhalt, Umfang, beteiligten Akteuren, Zeitangaben und örtlichen Bezügen der Archivalien werden ausgewählte Objekte digitalisiert. Diese Digitalisate werden, unter Berücksichtigung der jeweiligen Urheber- und Nutzungsrechte, dauerhaft und kostenfrei über die Webpräsenz von Digitalisierte Sammlungen zugänglich gemacht. Die digitalen Objekte sind mit Metadaten angereichert und über den DFG-Viewer, eine IIIF- und OAI-PMH-Schnittstelle oder als PDF-Download, jeweils versehen mit einem eindeutigen Identifier, verfügbar und nachnutzbar.
Nutzer:innen, die sich über das zentrale Nachweissystem Stabikat etwa zur „Riefenstahl Film GmbH“ informieren, finden zahlreiche Verweise auf gedruckte und digital verfügbare Objekte, darunter digitalisierte Archivbestände aus dem Nachlass von Leni Riefenstahl. Im Erschließungsprojekt spielt die Nutzung der Gemeinsamen Normdatei (GND) eine zentrale Rolle, um verlässliche Navigationspunkte zu schaffen. Dies ermöglicht es, Personen, Firmen und Sachbezüge individuell zu erfassen und in Beziehung zu Riefenstahls Leben zu setzen. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf den Nachlass-Objekten selbst, sondern auch auf ihrer digitalen, netzwerkartigen Verknüpfung über Personen, Körperschaften, Orte, Sachbegriffe und Werke. Die gemeinsame Nutzung von Thesauri und Normvokabularen wie der GND ermöglicht es, Riefenstahls Erbe virtuell zusammenzuführen und für die Zukunft Services für Recherche und Präsentation zu entwickeln.
KT