Deutsche Kinemathek
Shamsoun Khamis im Depot der Deutschen Kinemathek (Foto: Ala Kheir)
Shamsoun Khamis im Depot der Deutschen Kinemathek (Foto: Ala Kheir)
Filmaufnahmen in der Deutschen Kinemathek
Die Filmaufnahmen aus den Nuba-Bergen sind kein abgeschlossenes Werk, sondern Aufnahmen von vier Reisen nach Masakin und Kau in den Jahren 1964/65, 1968/69, 1974/75 und 1977. Der Bestand umfasst insgesamt 535 Objekte, vorwiegend Filmbüchsen mit 16mm-Farb-Umkehroriginalen und Mustern, außerdem Magnettonbänder in verschiedenen Formaten, Musikkassetten sowie verschiedene Videoformate, 8mm-Filmrollen und 16mm-Schwarz-Weiß-Originalnegative und Kopien. Es liegen rund 380 Büchsen Bildmaterial vor, davon sind ca. 190 lediglich kleine Büchsen, die größtenteils einzelne Filmstreifen oder sogar einzelne Bilder enthalten, und 137 Büchsen und Kassetten Ton. Die geschätzte Gesamtlänge des Bildmaterials (ohne Videomaterial) beträgt rund 35.000 Meter bzw. 54 Stunden und die des Tonmaterials 47 Stunden.
Nach derzeitigem Erkenntnisstand ist keine Inventarliste überliefert. Wie können die Vollständigkeit verifiziert, die Materialien den Reisen zugeordnet, Originale von Mustern unterschieden und Töne den Bildern zugeordnet werden? Anhand der Beschriftung der Büchsen und Kassetten ist dies nur eingeschränkt möglich, da die Beschriftungs- und Ordnungssysteme variieren. Etliche Büchsen sind mit mehreren einander überlagernden Etiketten und Zetteln beklebt, die unterschiedliche Beschriftungen vom Kopierwerk, von Leni Riefenstahl aber auch ihren Mitarbeiter:innen aufweisen (Abb. 1–3).
Ein Nummerierungssystem – Jahr der Reise und fortlaufende Nummer – ist ab 1968/69 für die Umkehroriginale vorhanden. Es ist jedoch nicht konsistent, sodass hieraus nicht auf den ursprünglichen Umfang des Bestandes geschlossen werden kann (Abb. 4). Offenbar wurde bei der ersten Reise 1964/65 noch keine Notwendigkeit gesehen, die Büchsen mit Jahreszahlen zu beschriften oder auch nur zu nummerieren. Für den Ton dagegen ist teilweise das genaue Datum angegeben, zusammen mit Angaben zum Inhalt der Aufnahme. Für die späteren Reisen dagegen sind häufig nur Jahr und Ort vermerkt. Synchronton gibt es selten, offenbar wurden meistens einige Originaltöne beim Drehen, aber auch unabhängig davon aufgenommen (Abb. 5).
Ein Blick in die Filmbüchsen zeigt, dass ihre Anzahl nur bedingt Aufschluss über den Umfang gibt. Die Größe der enthaltenen Rollen variiert zwischen 20m und 480m, einige Büchsen enthalten mehrere Rollen, einige lediglich einzelne Filmstreifen, die mit Büroklammern zu kleinen Röllchen fixiert sind (Abb. 6).
Das Verhältnis von Originalen zu Mustern variiert zwischen den einzelnen Reisen sehr. Während für 1964/65 knapp 8.000m Umkehroriginalen rund 5000m Muster gegenüberstehen, liegen für 1974/75 bei rund 6.000m Originalen nur knapp 2000m Muster vor. Offenbar hat Riefenstahl am meisten mit den Aufnahmen von 1964/65 gearbeitet. Darauf verweisen die 204 kleinen Büchsen, die offenbar Restmaterial enthalten, das aus den Mustern (aus)sortiert und für eine eventuelle weitere Verwendung aufbewahrt wurde. Anders als die Originale und Muster sind diese Büchsen nach Themenblöcken beschriftet, unter anderem „Seribe“, „Landschaft“, „Totenfest“ oder „Ringkampf“, die mit den Kapiteln von Riefenstahls Fotobüchern korrespondieren. Am unberührtesten wirkt der nur rund 2500m umfassende Bestand von 1977, zu dem es fast keine Muster gibt (Abb. 7).
AW
Arbeiten mit den Filmaufnahmen
Identifizieren
Erstes Ziel der Identifizierung war es, Originale und Kopien voneinander zu unterscheiden und die Aufnahmen ohne Jahresangaben auf den Büchsen den betreffenden Reisen zuzuordnen. Die variierenden und einander überlagernden Beschriftungs- und Ordnungssysteme erschwerten die Zuordnung und Identifizierung zusätzlich. Anhand der Randsignaturen des verwendeten Rohfilms konnten die Aufnahmen der „Sudan-Expedition 1964/65“ identifiziert werden. Verwendet wurde Farbumkehrmaterial Ektachrome des Herstellers Kodak. Dieser Hersteller kennzeichnet den Rohfilm mit Symbolen, die für das jeweilige Herstellungsjahr stehen (Abb. 1).
Die Untersuchung von Randinformationen war zentral für die Überprüfung der Ursprünglichkeit der Originale. Hatten die variierenden Rollenlängen bereits vermuten lassen, dass die Kamerarollen bearbeitet worden waren, wurde dies durch die Fußnummern bestätigt. Fußnummern werden ebenso wie die Signaturen vom Rohfilmhersteller einbelichtet und sind eine fortlaufende Nummerierung, die für jede Kamerarolle individuell ist. Ein weiterer Hinweis waren Klebestellen. Mehrere Fußnummernserien innerhalb einer Rolle zeigen, dass mehrere Kamerarollen zu einer größeren Rolle aneinandergehängt wurden. Entsprechend befindet sich an diesen Übergängen zwischen zwei Kamerarollen jeweils eine Klebestelle. Lücken in den Fußnummernserien hingegen verweisen auf entnommene Teile (Abb. 2).
Aufgrund der unspezifischen Büchsenbeschriftungen sind in der Regel genauer Ort und Zeit der Aufnahmen unklar. Möglicherweise können die parallel entstandenen Töne, die teilweise Orts- und Zeitangaben aufweisen, zur Klärung beitragen. Hierzu bedarf es einer detaillierten Sichtung der Ton- und Bildaufnahmen. Eine weitere zentrale Quelle sind die für 1964/65 teilweise vorhandenen Negativberichte der Kameraleute, die die Aufnahmen einer Kamerarolle protokollieren. Stichproben haben gezeigt, dass die in den Negativberichten enthaltene Rollennummer mit den Nummern auf gefilmten Tafeln in den Umkehroriginalen korrespondiert (Abb. 3&4).
Die Kameramänner
Etliches Material aus den Filmaufnahmen, das Riefenstahl für Fernsehreportagen oder Dokumentarfilme bereitstellte, zeigt sie mit der Arriflex-Kamera bei Aufnahmen von einem Ringkampf. Dies deutet an, dass sie selbst bei den Filmaufnahmen die Kamera geführt hätte. Der Büchse mit dem Umkehroriginal dieser Aufnahmen liegt eine Liste mit ausgewählten Einstellungen bei, vermutlich in Riefenstahls Handschrift, die sie mit der Arriflex-Filmkamera und Leica-Fotokameras zeigen, sowie eine Notiz, dass diese im September 1976 für das Fernsehmagazin Aspekte abgetrennt worden seien (Abb. 5).
Tatsächlich handelt es sich bei diesem Filmmaterial um Produktwerbung für einen ihrer wichtigsten Sponsoren – während Gerhard Fromm 1964/65 und Horst Kettner ab 1968 für die Kamera verantwortlich zeichneten und Walter Hailer als zweiter Kameramann zumindest 1964/65 dabei war. Weder in den Büchsenbeschriftungen noch in den den Büchsen beiliegenden Arbeitsnotizen erwähnt Riefenstahl diese drei Namen. Allerdings findet sich dort der Name des sudanesischen Kameramanns, der in Riefenstahls Berichten namenlos bleibt: Gadalla Gubara war für die ersten Aufnahmen der Expedition von 1964/65 verantwortlich. Er wurde von Gerhard Fromm abgelöst.
Warum Gadalla Gubara aus dem Projekt ausschied, ist unklar. In Riefenstahls Notizen in Büchsen mit Restmaterial ist vermerkt, dass seine Aufnahmen von geschlachteten Rindern „zu realistisch“ und daher „unbrauchbar“ seien (Abb. 6–8). Auch Gadalla Gubaras Aufnahmen eines Mannes, der mit einem Gürtel aus kleinen Glöckchen tanzt, befinden sich in einer Büchse, die mit „Restmaterial“ beschriftet ist. Dies wirft die Frage auf, inwiefern der sudanesische Dokumentarist eine eigene Herangehensweise für die filmische Dokumentation des Lebens seiner Landsleute hatte, welche mit Riefenstahls Intentionen womöglich unvereinbar war. Seine Erfahrung bei den Dreharbeiten ist eine Forschungsfrage.
Riefenstahl im Bild
Vor allem in den Aufnahmen der Reise 1974/75 ließ sich Riefenstahl oftmals zusammen mit den sudanesischen Protagonist:innen filmen. Darunter sind nicht nur Aufnahmen, die – wie das Filmen mit der Arriflex während eines Ringkampfs oder beim Verteilen von Medikamenten – als Werbeaufnahmen für ihre zahlreichen Sponsoren zu erkennen sind.
Eine ganz andere Art von Riefenstahls Präsenz findet sich in zufälligen Aufnahmen am Beginn von Einstellungen: wenn die Kamera bereits lief, Riefenstahl jedoch noch mit letzten Anweisungen an die Protagonist:innen oder die Kamera im Bild ist (Abb. 9&10). Diese in nur wenigen Einzelbildern vorhandenen Zeugnisse ihrer Anwesenheit sind leicht zu übersehen. Am effektivsten können sie nach der Digitalisierung des Materials mittels Einzelbildschaltung ermittelt werden. Das erlaubt die Untersuchung von Riefenstahls Eingriffen in das gefilmte Geschehen.
Restaurierungsziel
Ziel der digitalen Sicherung und Restaurierung sind die Umkehroriginale. Das Mengenverhältnis von Originalen und Kopien zeigt, dass die Originale die Aufnahmen in den Nuba-Bergen am vollständigsten überliefern. Anhand von Randinformationen und Klebestellen lassen sich Bearbeitungen und Lücken der Originale nachvollziehen. So kann perspektivisch eine Rekonstruktion der Kamerarollen ermöglicht werden. Sowohl für eine tiefere Erschließung des umfangreichen Konvoluts als auch für die Forschung ist zentral, dass die Kamerarollen zu den fotografischen Beständen und dem Schriftgut in Beziehung gesetzt werden.
AW